Freiraum 2025
Sprachbarrieren in der Anamnese überwinden
Das Projekt „Sprachbarrieren in der Anamnese überwinden“ am Universitätsklinikum Würzburg bereitet Studierende der Humanmedizin und der Hebammenwissenschaft gezielt auf interkulturelle und sprachliche Herausforderungen in der klinischen Praxis vor. Studien zeigen, dass bei der Gesundheitsversorgung von Personen mit Migrationshintergrund in Deutschland im Vergleich zur einheimischen Bevölkerung häufiger Fehldiagnosen, Fehlversorgung und unzureichende Aufklärung auftreten. Dies wird unter anderem auf Sprachbarrieren, soziokulturelle Missverständnisse sowie fehlendes Wissen zu Migration und Flucht zurückgeführt. Die Interaktion und Versorgung von betroffenen Patientinnen und Patienten ist im Klinikalltag oft erschwert: Professionelle dolmetschende Fachkräfte könnten helfen, stehen jedoch häufig nicht zur Verfügung, da die Kosten nicht regelhaft von den Krankenkassen übernommen werden.
Das Projekt ist interprofessionell und interdisziplinär konzipiert und wird gemeinsam von verschiedenen Gesundheitsdisziplinen, Kulturwissenschaftlerinnen sowie Lehrkräften der Dolmetscherschule Würzburg entwickelt und durchgeführt. Auch Dolmetschstudierende sind aktiv in die Lehre eingebunden und profitieren von den praxisnahen Lehrformaten. Durch diese enge Zusammenarbeit fördert das Projekt nicht nur die interprofessionelle Kompetenzentwicklung, sondern auch das Verständnis für die jeweiligen Rollen, Aufgaben und Perspektiven der beteiligten Berufsgruppen und trägt damit maßgeblich zur professionellen Identitätsbildung der Teilnehmenden bei.
In longitudinal angelegten Modulen über drei Semester hinweg erwerben die Studierenden im Sinne des Inverted-Classroom-Konzepts kontinuierlich die notwendigen interkulturellen Kompetenzen für eine erfolgreiche Kommunikation mit Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen. Dabei lernen sie den Einsatz von Dolmetschenden sowie digitalen Übersetzungstools und entwickeln ein reflektiertes Bewusstsein für kulturell geprägte Vorstellungen von Gesundheit, Krankheit und medizinischer Versorgung. Diese Kompetenzen sind nicht nur im Kontext von Migration relevant, sondern auch für die Versorgung deutschsprachiger Patientinnen und Patienten bedeutsam, da auch innerhalb der einheimischen Bevölkerung unterschiedliche Krankheits- und Gesundheitsverständnisse bestehen, die die ärztliche Kommunikation und Entscheidungsfindung maßgeblich beeinflussen können.
Darüber hinaus adressiert das Projekt explizit die Themen Diversität und Diskriminierung in der Medizin. Es sensibilisiert die Studierenden für strukturelle Ungleichheiten und fördert einen diskriminierungskritischen Umgang mit Patientinnen und Patienten. Ziel ist es, eine respektvolle, patientenzentrierte und gerechte Versorgung zu stärken.
Das Projekt schließt eine bestehende Lücke in der Ausbildung und trägt somit zur nachhaltigen Verbesserung der Lehre sowie langfristig zu einer besseren Versorgung von Patientinnen und Patienten mit Migrationshintergrund bzw. Sprachbarrieren bei. Eine Übertragung auf andere Standorte ist denkbar und ausdrücklich wünschenswert.
