Freiraum 2025
Sprachbarrieren in der Anamnese überwinden
Sprachbarrieren in Gesprächen gehören zum Alltag in Klinik, Praxis und Kreißsaal. Im Curriculum der Humanmedizin und der Hebammenwissenschaft wurde dieses Thema jedoch bisher nicht berücksichtigt. Studien zeigen, dass bei der Gesundheitsversorgung von Personen mit Migrationshintergrund in Deutschland, im Vergleich zur einheimischen Bevölkerung, häufiger Fehldiagnosen, Fehlversorgung und unzureichende Patientenaufklärung auftreten. Dies wird u.a. auf Sprachbarrieren, soziokulturelle Missverständnisse sowie fehlendes Wissen zu Migration und Flucht sowie unzureichende Sensibilisierung für Diversität und Rassismus zurückgeführt.
Das Lehrprojekt „Sprachbarrieren in der Anamnese überwinden“ richtet sich mit dreisemestrigen curricular verankerten Kursen an Medizin‑ und Hebammenstudierende sowie Auszubildende der Würzburger Dolmetscherschule (WDS) und ist Teil des Kommunikationscurriculums. Für die Medizinstudierenden ist es an die Lehre der Allgemeinmedizin angegliedert und findet ab dem 8. Semester (für Hebammenstudierenden ab dem 3. Semester) statt. Die nach dem Inverted Classroom Format aufgebauten Module kombinieren Online‑Module zu sozialen, kulturellen und sprachlichen Einflussfaktoren einschließlich Aspekten von Diversität und rassismuskritischen Perspektiven mit praxisnahen Trainings. Zur Anwendung kommen vielfältige Lehr‑Lern‑Methoden wie Kleingruppenarbeit, Reflexionsaufgaben, Trainings mit Schauspielpersonen und Dolmetschenden der WDS, Simulationen, interkulturellen Fallarbeiten, Diskussionen und strukturierte Feedback‑Übungen. Sie ermöglichen ein intensives, erfahrungsorientiertes Lernen und fördern eine empathische, diversitätssensible und fachlich sichere Kommunikation im Gesundheitswesen.
Im Zentrum stehen drei unmittelbare Lernziele:
- die kompetente Durchführung einer Anamnese mit Sprachmittlung, einschließlich des professionellen Umgangs mit Übersetzungs‑Apps, Laiendolmetschenden und professionellen Dolmetschenden,
- die Sensibilisierung für unterschiedliche Gesundheits‑ und Krankheitsverständnisse sowie für die sprachliche Codierung von Symptomen,
- die Stärkung kooperativer Handlungskompetenz durch interprofessionelle Zusammenarbeit in komplexen, mehrsprachigen Versorgungssituationen
Darüber hinaus fördert das Projekt den interprofessionellen Austausch, die interkulturelle Kompetenz und unterstützt die professionelle Identitätsbildung der Teilnehmenden. Es adressiert eine Lücke in der Ausbildung und trägt somit zu einer Verbesserung der Lehre und langfristig zu einer besseren Versorgung von Patientinnen und Patienten mit Migrationshintergrund bzw. Sprachbarrieren bei.
Das Lehrprojekt wird im Rahmen des Förderprogramms „Freiraum“ durch die Stiftung Innovation in der Hochschullehre von 04/2025-03/2027 finanziell unterstützt.
